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Datum: 27.10.2018 | Ort: Viñales

Eine Nachtwanderung in Viñales

Der nächste Tag beginnt bereits um 5:30 Uhr. Vor zwei Wochen war es mir noch viel zu leicht gefallen aus dem Bett zu kommen, heute würde ich ganz gerne noch ein Stündchen schlafen. Aber es hilft nichts. Um 6:00 Uhr sind wir mit unserem Tourguide Yummy verabredet und müssen auch noch zum Treffpunkt laufen. Also falle ich aus meinem Bett in meine Klamotten, schlurfe durchs Bad, packe meine Tasche und los geht’s.

Yummy wartet schon, als wie am Treffpunkt ankommen. Unterwegs haben wir ein Hunderudel aufgegabelt, das auf den menschenleeren Straßen gerade Party macht. Sie hüpfen um uns herum, lassen sich knuddeln und jagen sich gegenseitig umher. Yummy lacht, als wir mit unserer ganzen flauschigen Gang bei ihm ankommen.

Wir laufen ein Stück durch die Stadt, sammel dabei noch ein paar mehr Hunde ein, und bleiben schließlich vor einer Garage stehen. Von unserem Fahrer fehlt noch jede Spur. Yummy macht sich auf den Weg ihn zu suchen. Wir machen derzeit Selfies mit unserem extrem anhänglichen Hunderudel. Ich habe inzwischen bereits in einigen Ländern Straßenhunde erlebt, aber die kubanischen sind wirklich ein Phänomen. Ich haben noch nie Straßenhunde erlebt die so liebesbedürftig, anhänglich und menschenbezogen sind. Es ist so schade, dass die Kubaner sich lieber teure Rassehunde ins Haus holen, wo doch die perfekten Familienhunde kostenlos davor sitzen und Hunger leiden müssen.

Der Fahrer und Yummy kommen zurück. Der Fahrer, ein Mann an die siebzig, holt einen schönen hellblauen Oldtimer aus der Garage. Alles Originalteile erklärt er stolz. Mit wenig PS und extrem schlechten Scheinwerfern fahren wir los. Es geht ein Stück raus aus Vinales und dann eine breite Lehmstraße entlang. Vor einem Haus lässt er uns heraus.

Wir knipsen unsere Taschenlampen an. Yummy ist von ihnen hellauf begeistert und lässt sich alle Funktionen zeigen. Er selbst leuchtet mit dem Blitz seines Handys voran. Zuerst geht es über einen recht brauchbaren Lehmweg, der jedoch schnell immer matschiger wird. Ein ähnliches Hangel- und Hüpfspiel wie bei der letzten Wanderung beginnt, um dem Matsch auszuweichen. An einer Stelle geht es auf einem Rohr, das an breiten, in den Boden gerammten Ästen aufgehangen ist, über einen kleinen Bach und ein Stück Sumpf. Als Handlauf dient ein Stahlseil. Im Lichte der Taschenlampen ist das ein echtes Abenteuer. Yummy erklärt stolz es ist eine „kubanische Brücke“.

Der Aufstieg auf den Aquaticus

Yummy hat den ganzen Weg seine Gitarre geschultert. Gelegentlich klimpert er darauf ein bisschen herum oder bleibt damit an einem Baum hängen, was sie dann mit einem lauten „PLONG“ quittiert. Es geht weiter einen Berg hinauf. Es ist ein Seitenhang des Aquaticus, einem Felsen, der nach seinen ehemaligen Bewohnern benannt ist, erklärt Yummy. Diese glaubten, dass eine Quelle im Felsen heilende Kräfte habe. Vor zwanzig Jahren habe es wohl einen in der Gegend recht aufsehenerregenden Fall gegeben von einer Schwangeren, die sich geweigert hatte ins Krankenhaus zu gehen und dann gestorben war. Die letzte Schamanin der Quelle sei aber inzwischen verstorben. Ich würde die Quelle ja zu gerne sehen, habe gerade aber erst mal als primäre Sorge den Berg noch pünktlich zum Sonnenaufgang auf den Berg hinaufzukommen.

Yummy legt ein ordentliches Tempo vor und erzählt dabei gut gelaunt von Krokodilen, Riesenschlangen und Baumratten. Mein Fazit aus seinen Geschichten ist, dass wir nichts davon zu Gesicht bekommen werden in freier Wildbahn, weil die Bauern alles aufessen.

An einem Hang entdeckt Jummy eine kleine Landkrabbe. Die geben ein tolles Abendessen ab erklärt Yummy und steckt das Tierchen kurzerhand in seine Gitarre.

Sonnenaufgang auf dem Aquaticus

Nach einem wirklich anstrengenden Aufstieg in einem extrem anspruchsvollen Tempo kommen wir auf eine Lichtung. Dort sitzt bereits eine Gruppe von Leuten vor zwei kleinen Häuschen. Ein Bauer wohnt hier, erklärt Yummy, aber er sei am Wochenende immer im Tal bei seiner Familie.

Max stellt die Kamera auf und wir setzen und etwas abseits der anderen Gruppe hin. Am Horizont beginnt es langsam zu dämmern und das erste Licht enthüllt einen Ausblick, wie man ihn als Fotomontage nicht besser hinbekommen würde. Karstfelsen stehen majestätisch in der Landschaft, tropische Bäume wachsen überall, dazwischen stehen Kokospalmen. Vor uns liegt ein kleines Ananasfeld am Hang und hinter den Felsen verfärbt sich langsam der Himmel orangerot. Dazu fliegen majestätische Falken in der Größe von Adlern herum und weiße Kraniche mit ihren grazilen Silhouetten. Vögel zwitschern und begrüßen den neuen Tag enthusiastisch und Bienchen und Schmetterlinge beginnen von Blüte zu Blüte zu flattern. Dazwischen rennt ein laut gackerndes Rudel Hühner aufgescheucht herum. Es ist atemberaubend.

Max und Yummy sitzen da und diskutieren angeregt über die Panoramafunktion des Gimbel und die Auflösung des neuen I-Phone. Ich kuschel mich in meinen orangen Windbreaker und genieße in mich versunken den tollen Ausblick. „Alles okay, du bist so ruhig?“ Fragt mich Max plötzlich von der Seite. Ich schrecke irritiert aus meiner meditativen Versonnenheit. „Sag mal was“ fordert er und hält mir die Kamera vor die Nase. Ich brauche erst einmal eine Sekunde, um in der Situation anzukommen und stammle irgendetwas. „Lauter!“ erklärt Max mit einem leichten Augenrollen grinsend. Ich setze erneut an. Dann werfe ich die romantische Stimmung über Bord und mache ein paar Selfies mit den beiden Technikjunkies.

Als die Sonne aufgegangen ist, verabschiedet sich die andere Wandergruppe. Yummy beginnt auf deiner Gitarre zu klimpern. Gelegentlich klappe die Gitarre von alleine. Max will Yummy aufnehmen, damit er mal ein gutes Video von sich hat. Also muss die Krabbe raus aus der Gitarre. Die Gitarre wird geschüttelt, die Krabbe will aber nicht raus. Immer wieder spreizt sie sich widerspenstig gegen die Seiten. Max und ich beobachten amüsiert den Kampf den Yummy mit seinem Abendessen ausficht. Alle Register werden gezogen. Die Gitarre wird mit dem Loch nach unter auf den Boden gelegt. Die Krabbe ist nicht beeindruckt. Irgendwann bekommt Yummy die Krabbe zu fassen. Ich kann nicht hinsehen und gehe ein Stück weg. Zwei Arme muss die Krabbe lassen. Am Schluss ist sie aber raus aus der Gitarre und wird freigelassen. Ihr scheiß Tag endete zumindest nicht im Kochtopf.

Der Rückweg nach Vinales

Yummy fühlt sich pudelwohl vor der Kamera. Er spielt und singt aus voller Kehle, posiert und erklärt mit einer Begeisterung alle Arten von Grünzeug, die uns unterwegs begegnen mit einem breiten Grinsen. Der Man hat deutlich mehr Talent vor der Kamera als ich, das muss ich ihm neidlos zugestehen.

Als wir zurück im Tal sind kommen wir an ein Restaurant namens Bella Vista (wovon es allerdings mehrere gibt). Wasser ist gerade alle, also bestellen wir uns einen Ananassaft. Er kostet dort 2 CUC, und ist sehr lecker. Nach einer Viertelstunde kommt ein Nachbar mit dem Auto zu dem Restaurant und bringt neues Wasser vorbei. Das Restaurant ist von vorne recht unscheinbar und liegt auf einem kleine Hügel. Der Name, der so viel wie ’schöner Ausblick‘ bedeutet ist nicht übertrieben. Am Balkon hat man einen tollen Blick über die weite grüne Landschaft mit den einzelnen Karstfelsen dazwischen.

Zwei Hunde gehören zum Haus, ein erwachsener Rüde und eine junge Hündin, die gerade mitten in der Pubertät steckt und eine absolute ‚Blödkopf‘-Phase hat. Sie hüpft zwischen unseren Beinen herum, landet irgendwann plötzlich auf meinem Schoß, fällt einmal halb vom Balkon, so dass Max sie retten muss und kaut in einem unbeobachteten Moment auf meiner Jacke herum.

Wir gehen zurück Richtung Vinales. Unterwegs lädt uns Yummy zum Essen zu sich nach hause ein. Er lebe in bescheidenen Verhältnissen, aber seine Frau sei eine ganz herausragende Köchin, erklärt er. Wir nehmen dankend an.

Am Wegrand zeigt er uns immer wieder faszinierende Dinge. In den Bäumen entdeckt er den Nationalvogel Kubas, den Kubatrogon. Er ist etwa taubengroß, weiß blau und rot, die Nationalfarben des Landes. Außerdem kann man ihn nicht im Käfig halten, da er sich dann an den Gitterstäben selbst umbringt, ein Ausdruck für den Freiheitsgedanken der kubanischen Revolution. Der Vogel gurrt über unseren Köpfen unbeirrt vor sich hin. Leider haben wir nicht genug Zoom dabei, um ihn scharf vor die Linse zu bekommen. Seid an dieser Stelle aber versichert, er ist sehr schön.

An anderer Stelle zeigt Yummy Max augenzwinkernd eine Blume, die nur für Männer sei. Sie erinnert in der Form an eine Vagina, heißt auch so, ist weiß und pink und duftet extrem nach Blumenladen.

An einer anderen Stelle lässt er und Mäuse-Ananas probieren, eine Art der Ananas, die viele kleinen Früchte, große Kerne und viele Vitamine hat. Sie schmeckt leicht scharf und vor allem süß-sauer nach Mandarine. Die Pflanze die, sehr hoch und stachelig wird ist ein beliebter Ersatz für Weidezaun und daher oft am Wegrand anzutreffen.

So geht es weiter und weiter. Zwischendurch rettet Yummy noch eine Ziege, die sich mit ihren Strick im Grünzeug verheddert hat und ein Pferd, das sein Bein in seinem Strick verknotet hat. Die Strickhaltung ist einfach doof und Yummy der Held des Tages.

Am Ende der Tour tun uns die Füße weh und wir sind durchgeschwitzt und außer Puste, aber haben das Gefühl das Land jetzt deutlich besser zu kennen und sind elektrisiert von den vielen neuen Erkenntnissen und Eindrücken.

Wir machen aus, dass wir uns kurz duschen und dann zu Yummys Haus zum Mittagessen kommen. Er erklärt uns wo wir hin müssen.

Mittagessen mit einer kubanischen Familie

Wir flitzen noch schnell in einen Supermarkt und kaufen zwei Bier und Limo für Yummy und seine Frau und die Kinder, um ein kleines Mitbringsel zu haben. Dann springen wir unter die Dusche und müssen auch schon wieder los, denn er wohnt ein gutes Stück außerhalb.

Nach der Wanderung am Morgen den langen Berg zu Yummys Haus noch hoch zukommen ist eine Herausforderung. Oben angekommen, setzen wir uns am Treffpunkt in den Schatten eines Baumes und warten. Es dauert nicht lange, da leistet uns auch schon ein motivierter Hund Gesellschaft. Von Yummy fehlt jede Spur. Ich laufe die Straße ein bisschen auf und ab. Eine halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit geben wir müde, hungrig und enttäuscht auf und treten den Weg zurück an. Nach einigen hundert Metern treffen wir dann doch noch auf Yummy. Wo genau das Verständigungsproblem lag, können wir nicht abschließend klären.

Yummy bringt uns in eine kleine Seitenstraße. Dort steht ein leicht windschiefes Holzhaus. Darin gibt es zwei Schlafzimmer ohne Türen, einen Wohnbereich mit selbstgezimmerten Stühlen, durchgesessenen Bänken und einem kleinen Röhrenfehrnseher. Auf dem Kühlschrank in der Ecke steht ein zehn-Liter-Wasserkanister. Im leicht trüben Wasser wächst eine einzelne krakelige Pflanze und zwei nicht ganz fitte Goldfische schwimmen herum. Der einzelne Tisch ist an der Wand festgenagelt, da er sonst umfällt. Er ist sehr üppig mit Essen beladen.

Die selbstgezimmerten Stühle sind etwas zu niedrig als, dass ich darauf wirklich gut am Tisch sitzen könnte. Bevor wir uns Essen nehmen, wird uns zunächst sehr ausgiebig erklärt, was wir da vor uns haben. Pommes aus Kartoffeln und gekochte Kartoffeln sind aus deutscher Sicht etwas ganz Normales. Die beiden sind aber sehr stolz darauf sie aufzutischen, da die Kartoffel auf Kuba nicht angebaut wird.
Wie Salzkartoffel gekochte Kochbananen, die mit Knoblauch gewürzt sind, habe ich vorher noch nie gegessen. Sie schmecken ähnlich wie Kartoffeln. Malanga Wurzeln frittiert sind ausgezeichnet. Sie schmecken in etwa wie Kartoffelchips. Dazu gibt es den für Kuba typischen Reis mit schwarzen Bohnen, Krautsalat, marinierte Hühnerbrust und eine Nudelsuppe mit Tomatenstücken. Extra für mich, hat Yummys Frau die Suppe ohne Fleisch gekocht. Sie ist eine hervorragende Köchin.

→ typisches Essen auf Kuba

Yummy und seine Frau trinken Cola zum Essen. Auch die zwei Kinder, zwei und vier Jahre alt, bekommen davon reichlich. Yummy erzählt, sie waren neulich beim Kinderarzt, weil die Kinder gar nicht mehr schlafen wollen. Der Arzt hatte ihnen gesagt, dass das an zu viel Cola liege. Sie waren davon total überrascht, ob wir uns das vorstellen können. Wir versuchen diplomatisch zu erklären, dass es vielleicht nicht unbedingt so gesund ist.

Nach dem Essen zeigt uns Yummy voller Stolz sein Tonstudio. Im Endeffekt ist es ein PC und ein Mikrofon in einem Schuppen. Man merkt, dass sehr viel Herzblut daran hängt. Er lässt uns einige Lieder hören, die er mit seinen Freunden zusammen produziert hat. Es sind einige extrem coole Songs dabei. Mit etwas besserer Technik, einem guten Produzenten und funktionierendem Internet hätte diese Musik aus meiner Sicht richtig Potenzial.
Max, der früher selbst als DJ gearbeitet hat, setzt sich ein bisschen mit Yummy an den PC und sie basteln zusammen an einigen Songs herum. Ich beobachte die beiden und das bunte Treiben der Kinder.

Yummys Frau ist zehn Jahre älter als er. Neben den beiden gemeinsamen Kindern läuft auch noch ein älterer Sohn mit etwa zehn Jahren herum. Hier die Ruhe zu bewahren, würde vermutlich die meisten deutschen Mütter an ihre Grenzen bringen. Vor allem als der Zehnjährige plötzlich mit dem Zweijährigen auf einem Pferd daherkommt, zuckt meine innere Tante schon merklich zusammen. Wenig später kommt der Zweijährige plötzlich mit einem Zerghuhn im Arm daher. Es wird mit als zahmes Haustier Tutty vorgestellt und stolz überreicht. Tutty lässt sich sehr kooperativ von mir streicheln und auch auf einigen Fotos ablichten.

Wir setzen uns noch ein bisschen zusammen ins Haus. Max und Yummy tauschen Kontaktdaten aus. Max verspricht Yummy ihn dabei zu unterstützen seine Touren auf Airb’nb und Tripadvisor anzubieten. Wirklich viel Verständnis vom Internet ist hier in Kuba noch nicht angekommen und die Berührungsängste sind noch deutlich spürbar.

Als wir gehen ist unsere Stimmung gemischt. Wir haben heute definitiv noch einen besseren Eindruck vom Kuba hinter den Kulissen des Tourismus bekommen. Wir hoffen diese nette, chaotische und quirlige Familie etwas dabei unterstützen zu können in Zukunft leichter über die Runden zukommen.

Zurück in unserer im Vergleich sehr luxuriösen Unterkunft ruhen wir uns erst einmal aus. Die vielen Eindrücke und das frühe Aufstehen machen mich müde. Am frühen Abend raffen wir uns dann doch noch einmal auf und gehen Abendessen. Unsere Wahl fällt auf eine kleine Kneipe in einer Nebenstraße, gegenüber der Etecsa-Internetprovider-Zentrale. Hier gibt es Internet, es funktioniert aber nicht richtig. Als Abschluss des Tages gibt es Pina Colada.

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