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Datum: 05.02.2019 | Ort: Antigua

Früher Tagesstart zum Vulkan

Max Wecker geht um halb fünf. Ab fünf hängt er am Telefon. Auch das gehört zum Leben eines Digitalnomaden dazu. Ich bin jedoch komplett gerädert.

Um kurz vor acht schultern wir unsere Rucksäcke und laufen zu unserem Touranbieter. Dort gibt es zunächst Frühstück. Pancakes mit Obst und Sirup und ein Ei. Ich weiß nicht wer Ei isst, bevor er auf einen Berg geht. Meiner Meinung nach ist das nicht der beste Start.

Nach dem Essen kann man sich Equipment leihen. Ich hole mir eine Jacke, Handschuhe und eine Mütze. Die Leihgebühr beträgt zwei Euro.

Danach werden wir auf zwei Kleinbusse aufgeteilt. Unsere Gruppe besteht aus ungefähr zwanzig Personen.

Rund eine Dreiviertelstunde fahren wir eine Landstraße entlang, ehe wir einen Schotterweg hinauf fahren und anhalten.

Dort steht ein Holzhaus. Außerdem gibt es einen kleinen Freisitz und ein Klohäuschen.

Der Start der Vulkanwanderung

Es werden Lunchpakete verteilt, dann bekommen wir eine kurze Einweisung. Unsere drei Guides sprechen kein Wort Englisch. Ein anderer Reisender übernimmt das Dolmetschen. Max und ich sind augenscheinlich die ältesten in der Gruppe – nur einer der Guides ist älter, vermutlich Mitte sechzig aufwärts. Der Rest der Gruppe besteht hauptsächlich aus Australiern, Belgiern und Niederländern. Jedoch sind auch noch zwei weitere Deutsche dabei.

Der Weg geht die ersten Meter recht gemächlich los. Wir laufen einen grasbewachsenen Feldweg entlang. Dieser wird nur langsam steiler und immer ein wenig sandiger.

Nach dem ersten Halt geht es richtig los. Es geht ein steiles sandiges Stück hinauf. Man rutscht bei jedem Schritt ein wenig tiefer und manche in der Gruppe rutschen auch komplett weg. Bereits hier fangen die ersten Muskeln an zu brennen.

Der erste Abschnitt dauert ungefähr eine Stunde. Dann gibt es eine kurze Pause am offiziellen Kassenhäuschen. Die Gesichter sind inzwischen rot und die Atmung geht schwer. Bereits über diese erste Strecke hat sich die Gruppe weit auseinander getrennt. Die Vegetation hier besteht aus dichtem Wald zwischen dem die Wolken hängen. es sieht hübsch aus, aber fühlt sich etwas klamm an.

Es geht weiter. Im nächsten Abschnitt wird der Boden mäßig fester. Es gibt immer wieder Stufen, die das Gehen etwas erleichtern. Noch gibt es gelegentlich Gespräche, diese verstummen jedoch nach und nach zwischen dem Keuchen und Schnaufen.

Der erste Lichtblick

Dann wird die Vegetation immer lichter und es gibt es zum ersten Mal einen tollen Ausblick. Wir sind nun über den Wolken und sehen vor uns die Bergspitze des Agua, dem Vulkan direkt neben Antigua. Er schläft im Moment und nur seine Spitze schaut als brauner Kegel durch die Wolken.

Zur Feier des Ausblicks gibt es Mittagessen. Die Gruppe die gerade aufbricht als wir ankommen hatte Tortillas mit Frijoles und Guacamole, die über dem Feuer erwärmt wurden. Für uns gibt es nur Burrito aus dem Lunchpaket, dazu ein Muffin und ein Apfelsaft aus dem Trinkpäckchen. Aber mehr könnte ich gerade eh nicht essen. Ein Herr vor Ort verkauft YumYum-Suppen für 15 Queztal. Max der noch Hunger hat, leistet sich eine.

Dann geht es weiter. Serpentine, nach Serpentine, nach Serpentine quälen wir uns schier endlos den Berg hinauf. Es macht keinen Spaß, zwei Mädels aus der Gruppe gehen irgendwann verloren mitsamt einem Guide und eigentlich ist es nur noch die Neugierde auf den Vulkan, die uns den Berg hinauf treibt.

Irgendwann bekomme ich leichte Kopfschmerzen und auch Max meldet sich zu Wort, dass es ihm nicht so gut geht. Wir sind inzwischen auf über dreitausend Metern, daher messe ich dem Ganzen nicht viel Bedeutung bei. Zu wenig getrunken haben wir alle heute ohnehin. Auch der Rest der Gruppe tauscht inzwischen begeistert Tabletten gegen die Höhenkrankheit aus.

Irgendwann wird der Weg merklich flacher. Es geht nun um den Berg herum. Wir wandern vorbei an Aschefeldern und über Felsbrocken. teilweise geht es neben dem Weg einige dutzende Meter steil oder auch gerade abwärts. Ein falscher Schritt wäre hie fatal. Zum Glück ist der Weg doch recht brauchbar.

Das Vulkan-Camp am Acatenango

Dann endlich sehen wir den Fuego. Gerade schläft er noch, doch als wir das Camp erreichen, spuckt er eine kleine Rauchwolke aus.

Das Camp besteht aus drei Zelten, die dicht an dicht mit Feldbetten zugestellt sind. Außerdem gibt es eine kleine Bretterbude für die Guides und einen Lagerfeuerplatz.

Einige Meter abseits steht ein Klohäuschen. Noch ein wenig weiter abseits gibt es ein weiteres Großraumzelt mit eigenem Grillplatz. Außer einem weiteren kleinen Zwei-Personen-Zelt gibt es hier dann auch nichts mehr.

Die erste Zeit nach der Ankúnft sitze ich einfach nur da und starre den Berg an, der alle paar Minuten eine kleine Wolke aushustet. Hinter den Wolken geht gerade die Sonne unter und taucht alles in ein wunderschönes oranges Licht.

Max ist höhenkrank

Max geht es allerdings gar nicht gut. Er ist extrem blass und klagt über Kopfschmerzen. Wir machen uns eine Packung Elektrolyte gegen die Erschöpfung. Kurz darauf übergibt sich Max das erste Mal. Ich versuche ihn dazu zu bekommen mehr zu trinken, doch im Moment kann er nichts bei sich behalten. Er legt sich ins Zelt um den Kreislauf etwas zu schonen und nimmt Tabletten gegen die Höhenkrankheit und Übelkeit. Doch statt besser geht es ihm eher schlechter. Er muss sich noch mehrmals übergeben, bekommt Schüttelfrost und die Kopfschmerzen nehmen auch zu.

Die Sonne ist inzwischen beinahe komplett untergegangen. Nun kann man gut die Glut in der Asche des Fuego erkennen, die bei jedem Ausbruch rot die Hänge hinab rollt.

Max ist inzwischen in der Verfassung, dass er sagt er will nur noch hinunter und zurück ins Hotel. Ich berate mich mit Hilfe eines anderen Deutschen aus der Gruppe, der dolmetscht mit den Guides und deren Standpunkt ist inzwischen auch: Wenn es die ganze Nacht so weiter geht, schafft Max es morgen nicht mehr aus eigener Kraft vom Berg.

Nächtlicher Abstieg vom Vulkan

Der älteste Guide erklärt uns, dass er uns hinunter bringt. Kaum zwei Stunden nachdem wir auf dem Berg angekommen sind, brechen wir schon wieder auf. Gerade als wir das Lager verlassen grollt es hinter uns und durch die Bäume sehe ich wie der Berg die größte Fontäne an Lava bisher spuckt. Der ganze Gipfel leuchtet hell rot auf. Ich würde so gerne dort sitzen und Fotos machen. Doch Max ist gerade kaum noch ansprechbar. Wir müssen dringend weiter.

Unser Guide ist toll. Er weist und auf alle gefährlichen und rutschigen Stelle hin. Versucht uns immer wieder zu motivieren oder gibt sich viel Mühe uns mit Smalltalk bei Laune zu halten. Er selbst war früher Gemüsebauer. Seit zwei Jahren geht er die Tour nun einmal pro Woche. Ein Jahr wird er es noch machen, dann wird ihm das auch zu anstrengend.

Der Abstieg ist eine Quälerei. Meine Beine zittern vor Anstrengung, ich bin hundemüde und erschöpft. Max läuft leichenblass auf Autopilot. Mehr als einmal strauchelt er in der weichen Vulkanasche. Zum Glück verletzt er sich nicht.

Der surrealste Moment

Als wir eine kurze Rast machen, treffen wir eine Gruppe junger Guatemalteken, die gerade den Berg hinauf laufen um dort morgen den Sonnenaufgang über dem Vulkan zu sehen. Sie beraten mit unserem Guide kurz, wo die beste Stelle ist, um ihre Zelte aufzuschlagen. Dann wollen sie Selfies mit uns machen. Es ist so surreal, so etwas könnte ich mir nicht ausdenken, selbst wenn ich wollte. Also sitzen wir mitten in der Nacht am Rande eines Kollaps in irgendeinem Unterstand auf knapp dreitausend Meter Höhe auf einem schlafenden Vulkan in Guatemala und grinse leicht leidend in irgendein Smartphone.

Irgendwie kommen wir von diesem Berg herunter. Es ist mehr die Tatsache, dass wir keine andere Wahl haben als weiter zu gehen, als Kondition oder Wille.

Zurück ins Hotel

Unten an der Berghütte bin ich so fertig, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten Kann. Ein Bewohner der Berghütte fährt uns für vierhundert Quetzal zurück nach Antigua. Komplett überteuert im Vergleich zu den üblichen Taxipreisen, aber wir sind nicht mehr in der Verfassung zu verhandeln.

Max schläft ein, kaum sitzen wir im Auto. Mir ist gerade einfach nur übel. Ich navigiere das Auto zu unserem Hotel. Eine dreiviertel Stunde dauert die Fahrt und mehr als einmal bin ich kurz davor mich zu übergeben.

Dann sind wir endlich da, zahlen und schleppen uns erschöpft ins Zimmer. Unsere Schuhe ziehen wir davor aus. Sie sind so staubig, dass beim Ausziehen eine kleine Aschewolke aufsteigt. Unsere Socken sind durchgelaufen und löchrig. Meine Füße sind schwarz.

Wir schwanken unter die Dusche und waschen den Dreck und Schweiß der Vulkanwanderung ab. Dann fallen wir ins Bett und schlafen fast augenblicklich ein.


Wanderung auf den Vulkan Acatenango. Ausblick auf den Vulkan Fuego. Nachtlager auf dem Acatenango. Nachts vom Acatenango absteigen. Höhenkrankheit bei Vulkanwanderung
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