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La Paz hat Einzug in das Guinnessbuch der Rekorde gehalten, da es die Stadt mit dem höchsten Regierungssitz der Welt ist. Die Hauptstadt von Bolivien ist La Paz allerdings nicht. Diesen Titel hält das 416 Kilometer entfernte Sucre. La Paz ist keine reiche Stadt, sondern eher ein sozialer Schmelztiegel. Wer es sich leisten kann lebt im Süden der Stadt im Talkessel. Dort auf einer Höhe von etwa 3200 Metern gibt es die besten Geschäfte und die schönsten Häuser. Auch zahlreiche internationale Botschaften sind hier angesiedelt. Wer es sich nicht leisten kann, der muss in höhere Gebiete ausweichen. Vor allem die dünne Luft und die aggressive Sonneneinstrahlung führt jedoch auf Dauer bei vielen Bewohnern der hohen Gebiete zu gesundheitlichen Problemen. Ärmliche Siedlungen ziehen sich den kompletten Talkessel der Stadt hinauf. Jährlich nach der Regenzeit rutschen ganze Viertel mit riesigen Erdrutschen ein Stück den Berg hinab. Dabei sind meist auch Todesopfer zu beklagen. An der oberen Kante des Talkessels auf 4200 Metern hat sich 1985 die Gemeinde El Alto von La Paz unabhängig erklärt. Zu groß war der Verwaltungsaufwand, um beide Gemeinden gleichzeitig zu organisieren. Obwohl El Alto eine der jüngsten Städte in Bolivien ist, ist sie bereits die zweitgrößte Stadt, nach Santa Cruze und übertrifft laut der letzten Volkszählung sogar La Paz um etwa 100.000 Einwohner.

Durch die Lage im Talkessel und das starke geographische soziale Ungleichgewicht, drohte, dass ganze Stadtviertel und auch die Region um El Alto sich immer mehr in Richtung Slums entwickeln und verarmen würden. Doch zum Glück gab es bereits ein gutes Vorbild um dieser Entwicklung einhalt zu gebieten – Medellin in Kolumbien!

Dort hatte man 2004 mit dem Ausbau eines öffentlichen Nahverkehrsnetzes begonnen, in das auch Gondeln eingebunden sind. Dies hatte zur Aufwertung ganzer Stadtteile geführt.

Stationen der Seilbahn von La Paz

Im Jahr 2012 wurde der Bau der Seilbahnen offiziell verkündet, 2014 wurden die ersten drei Strecken eröffnet. Insgesamt gibt es inzwischen 10 Gondelstrecken in La Paz, eine weitere ist derzeit für 2020 geplant. Derzeit umfasst das Streckennetz 36 Stationen und eine Gesamtlänge von über 30 Kilometern. Eine Fahrt kostet 3 Bolivianos und damit 1 Boliviano mehr als die in La Paz üblichen Colectivos. 

Von Chumwa; Michael F. Schönitzer; Chuq – miteleferico.bo and others Geospatial data sources:Open Street Map Data (ODbL) – http://www.openstreetmap.org/copyright, CC BY-SA 3.0

Sicherheit der Seilbahnen

Die Haltestellen der Seilbahnen sind mit zahlreichem Wachpersonal ausgestattet. Alle Gondeln und Haltestellen der Seilbahnen werden videoüberwacht. Die Technik und der Bau der Anlage stammen vom österreichischen Anbieter Doppelmayr. Daher gelten die Gondeln als La Paz sicherstes Transportmittel.

Eine Tour mit den Seilbahnen von La Paz

Wir entschieden uns die Seilbahnen von La Paz mit einer Tour zu besichtigen. Auf Tripadvisor fanden wir eine Tour für 7,50€ pro Person. Die Dauer war mit etwa drei Stunden angesetzt. Unser Tourguide was Alfi. Alfi ist Bolivianer, migrierte mit 5 Jahren in die USA, arbeitete dort als Krankenpfleger und kam dann wegen der Erkrankung eines Familienmitglieds nach Bolivien zurück. Entsprechend spracha Alfi hervorragend Englisch und war einer der fürsorglichsten Guides, die wir bisher hatten. 

Unsere Tour startete an einem der zentralen Plätze der Stadt am frühen Nachmittag. Zuerst ging es mit einem Colectivo zur ersten Gondelstation, um einen Vergleich zwischen den beiden Transportmitteln zu bekommen. Dann ging es mit der roten Linie hinauf nach El Alto. 

Rote Linie und Stadtkunde

Auf der Fahrt erfuhren wir viel über das Problem der Erdrutsche und die Frage, warum die meisten Häuser in La Paz so fürchterlich aussehen wurde geklärt. Schuld sind nämlich die Steuern. Ab Fertigstellung zahlt man für ein Haus in La Paz Grundsteuer. Wenn man ein Haus nicht fertig stellt, also beispielsweise die Fassade nicht verputzt und Stahlstreben aus dem Dach stehen lässt, kann man die Steuer für bis zu 10 Jahre umgehen. Durch dieses beliebte Steuerschlupfloch kommt die schäbige Optik der Stadt zu Stande. In Sucre, der Hauptstadt wurde das Prinzip hingegen umgekehrt und es gibt Steuererleichterungen für die schnelle Fertigstellung und ordentliche Fassaden. Kurz vor der Bergstation weist uns Alfi auf ein Auto hin, das im Hang steckt. Es fiel vor einigen Jahren über die Klippe weil der Fahrer betrunken war. Zum Glück konnten alle sechs Insassen gerettet werden. Das Auto jedoch wurde aus Angst vor einem Bergrutsch nicht geborgen. Es versinkt nun immer Weiter im Lehm-Sand-Stein-Gemisch des Berges. 

Die silberne Linie in El Alto

Wir steigen in El Alto aus und werden von Alfi auf die zahlreichen Sicherheitskräfte und Kameras hingewiesen. Häufig gebe es auch Veranstaltungen in den Stationen. Diese könne man als Tourist ohne Bedenken besuchen. In El Alto machen wir ein Gruppenfoto mit Babylamas, dann geht es zum Hexenmarkt. Um Hexe oder Hexer zu werden, müsse man einen Blitzeinschlag überleben, durch den Pachamama die Hexen erwähle. Anschließend müsse man eine Ausbildung machen. Unzählige Hexen wohnen hier am Hexenmarkt unter ärmlichen Verhältnissen in Wellblechbuden. Viele von ihnen sind die spirituellen Betreuer ganzer Familiendynastien. Reich werden sie dabei allerdings nicht. zwischen 1,5€ und 350€ bekommen sie für Zeremonien und die Konkurrenz ist stark. 

Der Hexenmarkt von El Alto

Nun geht es weiter mit der silbernen Linie, die auch den Kamm von El Alto entlang führt. Von hier aus hat man einen tollen Blick über die Straßenmärkte von El Alto und man sieht die Häuser die direkt am Hang gebaut wurden und die eines nach dem anderen in den nächsten Jahren zurückgebaut werden müssen, oder abstürzen werden. 

Die gelbe Linie am Erdrutsch

Am Ende der silbernen Linie steigen wir in die gelbe Linie um. Wir sehen einen Felsrutsch, bei dem erst vor wenigen Monaten ein ganzer Straßenzug vernichtet wurde. Viele der Überlebenden campen neben der Baustelle in Zelten. Bagger tragen derzeit den Schutt ab und befestigen den Boden. Ob dieser Hang jemals wieder besiedelt werden kann ist fraglich. 

Die blaue Linie und die Politik

Wir steigen erneut um und fahren eine Station mit der blauen Linie. Wir erfahren ein wenig über die Politik des Landes. Alfi macht sich Sorgen, den der aktuelle Präsident tritt nun zum vierten Mal in Folge an, obwohl ihm von Seiten der Verfassung nur zwei Amtszeiten möglich sind. Die erste Amtsperiode konnte er durch eine Staatsneugründung relativieren, doch spätestens mit der nächsten Wahl im August, könnte es zu einer Verfassungskrise kommen. Falls der jetzige Präsident verlieren sollte, könnte es dennoch zu einer Wirtschaftskrise kommen. So oder so hat unser Guide Angst vor einem erneuten wirtschaftlichen Abschwung des Landes.

Die weiße Linie, Fußball, Erdbeben und Friedhöfe. 

Nach nur einer Station steigen wir um in die weiße Linie. Wir erfahren noch etwas mehr über den Baustil von La Paz. Glücklicherweise gibt es hier selten Erdbeben, denn die meisten Häuser hier sind kein bisschen erdbebensicher. Gebaut wird aus einreihigem Ziegel, ein wenig Stahl und Styropor.  Dann gleiten wir in der Gondel an einem Stadion vorbei. dIe meisten Vereine hassen Spiele in La Paz, denn sie müssen 2-3 Wochen bleiben, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Nur Brasilien fliege nur so kurz ein und direkt wieder aus, dass sie vor der Höhenkrankheit verschont blieben. 

Jetzt gleiten wir über einem Friedhof hinweg. Es ist der Obdachlosen-Friedhof der Stadt. Die Gräber sind winzig und oft nicht tief genug. Nach starkem Regen werden manchmal Leichen ausgespült. Aller Gräber liegen kreuz und quer. Eigentlich ist der kleine Platz schon lange voll. Es ist der dritte Friedhof den wir von oben sehen. Der bürgerliche Friedhof wirkt wie ein großes Regallager, mit oberirdischen Schränken. Nur im Friedhof der Gutsituierten gibt es Bodengräber mit Tafeln und einen ordentlichen Rasen. An keinen anderen Orten werden die sozialen Unterschiede der Stadt so offensichtlich.

Die orange Linie und die Historie der Stadt

Wir steigen ein letztes Mal um in die orange Linie. In der Station hängen Fotografien vom Beginn des letzten Jahrhunderts. Die Stadt La Paz ist darauf nicht wiederzuerkennen. Damals war sie noch sehr klein und ausschließlich im Talkessel gelegen. Der Zuwachs ist beachtlich. Nun wundert man sich nicht mehr über die sozialen Probleme und das Verkehrschaos. 

Das Ende der La Paz- Gondel-Tour

Am Ende der orangen Linie steigen wir aus und laufen noch einige Meter durch ein Viertel im Kolonialstil. es ist sehr hübsch hier. Zum Abschluss der Tour gibt es ein kleines Getränk in einem Lokal, dann ist die Tour vorbei. Wir haben heute sehr viel über diese Stadt gelernt und haben jetzt das Gefühl sie etwas besser zu verstehen. Es war eine der besten Touren die wir bisher hatten. 

Euer heutiges Testteam war vier Mensch stark. Von links nach rechts: Travelgrapher (Martina & Max) und Paradies Partner (Steffi und Jens)